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Muss Forschung einen „Nutzen“ haben?


Es heißt immer Wissenschaftler leben im Elfenbeinturm ohne Bezug zur Wirklichkeit und ohne Rücksicht auf die aktuellen Bedürfnisse der Menschen. Ihre Forschungsarbeiten sind uns fern und deren Nutzen unbekannt. Doch welchen Nutzen meinen wir eigentlich?

Neulich in einem Café hörte ich einige Gäste hinter mir sprechen: „Da geben die so viele Milliarden Euro aus, um so ein Dingsbums im CERN zu bauen, warum machen die nicht etwas Nützliches?“  „Genau! Was wollen sie dort nochmal erforschen? Den Urknall? Das ich nicht lache. Was bringt uns das?“

„ …wofür ist das dann gut?“ – Eine Frage bei der viele Forscher und Entscheidungsträger in Erklärungsnot geraten. Der Laie denkt dann die Wissenschaftler würden mit Ihren Forschungsgeldern verschwenderisch umgehen.

Doch wenn wir der Frage nachgehen wollen „wozu das eigentlich nützlich ist“ müssen wir ganz vorne anfangen, nämlich damit was „nützlich“ bedeutet. Denn die eigentliche Frage ist doch, was man unter „Nutzen“ versteht. Ist es ein „Nutzen“ für die Wirtschaft, die Wissenschaft oder gar die Gesellschaft? Meistens versteckt sich hinter den Fragen eigentlich nur die Frage „kann man damit Geld verdienen?“.

Nutzen auf den zweiten Blick

"Nutzen" auf den zweiten Blick

Natürlich können wir alles nach Kosten und Nutzen abwägen. Doch kommt  man damit wirklich weiter? Stellt sich dann nicht die Frage welchen Nutzen eigentlich Kunst oder Sport hat? Wenn es um den reinen „Nutzen“ geht, müssten wir doch ziemlich viel abschaffen. Für Wissenschaftler sind Erkenntnisse vielleicht genauso inspirierend wie ein Kunstwerk. Seien wir doch mal ehrlich eine Welt, in der es nur um Nützlichkeit geht, wäre ziemlich langweilig.

Bei einer ökonomischen Betrachtung hat die Grundlagenforschung das größte Problem, denn sie basiert auf reinem Erkenntnisgewinn. Die Ergebnisse sind nicht messbar, es sind keine spektakulären Erfindungen, keine konkreten Anwendungen. Für viele Menschen fehlt hier der „Nutzen“. Wozu also dann Grundlagenforschung?

Wie der Begriff schon sagt, ist dieser Teil der Forschung die Basis (Grundlage) auf die weitere Forschung aufbaut. Sie macht die angewandte Forschung erst möglich. Somit ist jede Erfindung auch eine Folge der Grundlagenforschung! Das Bundesministerium für Bildung und Forschung formuliert die Bedeutung von Grundlagenforschung so: „Erkenntnisse über die Struktur der Materie und die grundlegenden Zusammenhänge in der Natur zu gewinnen, gehört zu den wesentlichen Bestandteilen unserer Bildung und Forschung. Dabei nimmt die physikalische Grundlagenforschung eine wichtige Stellung ein, denn sie ist auch Ausgangspunkt für technische Innovationen und für eine auf Nachhaltigkeit orientierte Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft.“

Grundlagenforschung geht also immer den grundlegenden Fragen der Welt nach. Damit ist sie auch Teil der menschlichen Kultur und Identität. Die Entstehung der Welt und was sie zusammen hält, sind Fragen die ebenso dazu gehören. Gerade weil diese Fragen so weitreichend sind, ist Grundlagenforschung eine Verbundforschung und setzt sich aus mehreren Forschungsgruppen zusammen. Die Schwerpunkte sind so abstrakt, dass der Einsatz von Großgeräten oft unentbehrlich ist. Die Astrophysiker benötigen Großteleskope um zeitliche und räumliche Dimensionen des Weltalls zu überwinden. Die Teilchenphysiker brauchen Beschleunigungsanlagen um die kleinsten Bausteine der Materie zu untersuchen.

Dass Grundlagenforschung zu konkreten Anwendungen führen kann, zeigt das berühmte Beispiel von Heinrich Hertz (1857-1894). Hertz beantragte eine finanzielle Förderung an der Preußischen Akademie der Wissenschaften und erhielt sein Geld mit der Begründung, dass sein Experiment die elektromagnetische Theorie des Lichts von James Clerk Maxwell bestätigen würde. Hertz wies die elektromagnetischen Wellen nach und entdeckte, dass sie sich mit der gleichen Geschwindigkeit ausbreiten wie Lichtwellen. Ihm gelang in einem Versuch die Übertragung vom Sender zum Empfänger. Bei diesem Experiment hatte keiner an eine praktische Anwendung gedacht. Dabei lieferte Hertz  die Grundlage zu einer der heute wichtigsten Technologie: Ohne Radiowellen gäbe es keinen Rundfunk, kein Fernsehen, kein Handy und die dazugehörigen Industriebereiche.

Eine Sache nebenbei bemerkt: Die besten Erfindungen entstanden zufällig oder als Nebenprodukt. Bei den meisten Erfindungen wurde erst hinterher gefragt: „ …und wie können wird das nutzen?“.

Dass viele Leute den „Nutzen“ der Grundlagenforschung nicht sehen, liegt aber auch an einem fehlenden Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Viele Forscher sehen es immer noch als unwichtig ihre Arbeit in die Öffentlichkeit zu tragen. Zum Glück ändert sich das gerade. Immer mehr Wissenschaftler suchen den Diskurs, damit auch Laien wissen „wofür das eigentlich nützlich ist“.